Karl Immervoll: Kommunikation ist gefragt

Für viele ist das Jahr 1989 das Jahr der Freiheit, des Aufbruchs und der großen Veränderungen. Als 1989 – vor nun 25 Jahren – der Eiserne Vorhang fällt, ändert sich gerade auch für das Waldviertel als direkte Grenzregion vieles. Zuvor unüberwindbare Grenzen werden zu imaginären Linien, die dennoch bis heute nicht ganz aus den Köpfen der Menschen verschwunden scheinen. Es ist ein Jubiläum, das an vergangene Ereignisse erinnert, aber auch Bewusstsein für Gegenwart und Zukunft schafft.

„Ich schaue, dass ich viel mit Leuten zusammenkomme, rede. Horche, was verschiedene Situationen ausmacht und versuche immer wieder gemeinsam mit Menschen Situationen individuell, als auch strukturell zu verändern. Aber es sind nicht meine Ideen, die ich versuche zu verwirklichen, sondern es sind die Dinge, die im Dialog entstehen.“ Für Karl Immervoll sind es schon immer die Menschen, die zählen. Als Betriebsseelsorger versetzt er sich in andere Menschen hinein, vor allem den Benachteiligten schenkt er sein Gehör und seine Kraft, Neues zu initiieren und umzusetzen. Schon seit vielen Jahren entwickelt er Ideen, um den Menschen in der Region eine Stütze zu bieten.

Sein wohl bekanntestes Projekt ist der Selbsterhaltungsbetrieb „Waldviertler Schuhwerkstatt“, der nach sieben erfolgreichen Jahren von Heini Staudinger übernommen wurde und mit seiner ganz eigenen Firmenpolitik österreichweit ein klares Zeichen setzt.
Auch die Lehrlingsstiftung in Eggenburg ist auf den Betriebsseelsorger zurückzuführen. Es sind Projekte, die im Laufe der Zeit gegen den Kampf mit der Arbeitslosigkeit und mit der einhergehenden sozialen Ausgrenzung entstanden sind. Karl Immervoll spricht von vielen Ausschließungsgründen gegenüber Menschen, die sozial benachteiligt sind. Vor allem gegenüber Menschen, die aufgrund eines mangelnden Jobs eine finanzielle Benachteiligung erleben. Besonders die Teilhabe am kulturellen Leben ist für jene Menschen kaum möglich, aber auch Mobilität ist ein Thema, dessen er sich angenommen hat. So startet 2013 das Projekt Solartaxi Heidenreichstein, das Mobilität für jeden leistbar und somit Einkäufe und Arztbesuche möglich macht.

 

eisern2

 

Blick über Grenzen hinweg

Karl Immervoll blickt aber noch weiter. Sein Blick geht über geographische Grenzen hinweg. Bereits 1989 verfolgte er mit Spannung das Geschehen rund um den Fall des Eisernen Vorhangs und die Reaktionen der Menschen in den Waldviertler Grenzstädten. Anfänglich stellte er eine große Euphorie fest – schnell bildeten sich Partnerschaften zwischen Städten, Künstlern und Musikern. Auch die Wirtschaft versuchte zu kooperieren. Überall entstanden Kooperationen – nur die Menschen an der Basis, die Arbeiter, bekämpften sich. Sowohl auf tschechischer, als auch auf österreichischer Seite. Gerade durch Aussagen wie „den Stacheldraht hätten wir nicht abbauen, sondern zwei Meter höher machen sollen“ wurde die Betriebsseelsorge Oberes Waldviertel auf die Situation und die vorherrschende Stimmung der Menschen aufmerksam. Ein anfänglicher Versuch eine Annäherung zu schaffen, sollte mithilfe der Gewerkschaften gelingen.

Dass eine Anknüpfung über diesen Weg zu keinem Erfolg führen würde, merkt Karl Immervoll schnell. Ein zweiter, etwas anderer Versuch jedoch funktionierte. Als begnadeter Organist versucht er über die Musik einen Weg über die Grenzen hinweg zu schaffen. Karl Immervoll erinnert sich noch genau an den Beginn dieses Kontakteknüpfens: „Begonnen hat alles damit, dass es bereits seit mehr als 20 Jahren die Orgelwoche in Heidenreichstein gibt, die heute sogar international ist. Ich kann mich erinnern – einmal kam eine Tschechin zu mir, sie wollte Orgel spielen lernen.“ Karl Immervoll ist damals bewusst, dass die herkömmlichen Kosten für die Orgelstunde für die Frau unerschwinglich sind – „also habe ihr vorgeschlagen, dass wir tauschen – ich gebe ihr eine Orgelstunde und erhalte dafür eine Stunde Tschechisch-Unterricht.“

Dies sollte nicht das einzige Tauschgeschäft bleiben. Eine andere Frau wiederum bot im Gegenzug eine Jause an. Diese führte Karl Immervoll nach Suchdol, wo er auch den Mann der Orgelschülerin kennen lernte. Über dieses Eck gelang es ihm schlussendlich einen persönlichen Kontakt zu den Arbeitern in Suchdol herzustellen – einen Kontakt, den die Arbeiter auf österreichischer Seite zu diesem Zeitpunkt noch nicht hatten. „Und so haben wir begonnen, Brücken zu bauen“. Damit entstanden nicht nur Partnerschaften, sondern auch erste Akzeptanz und Annäherung sowohl auf musikalischer, als auch auf persönlichen Ebene.

 

eisern_innen

 

Für Karl Immervoll begann somit ein Gesamtprozesses, der dem Betriebsseelsorger zufolge aber noch lange nicht abgeschlossen ist. Besucht man Grenzstädte aber aufmerksam, so merkt man schnell, dass sich beide Seiten immer mehr aufeinander einlassen. Ein tschechischsprachiges „Herzlich Willkommen“ auf dem Aushängeschild eines Gmünder Kaffeehauses ist ein klares Zeichen dafür, dass die Nachbarn 25 Jahre nach Fall des Eisernen Vorhangs akzeptiert und gerne gesehen sind.

Einen wesentlichen Anteil für diese Entwicklung trägt die Jugend. Immer mehr Jugendliche starten Kulturinitiativen, knüpfen neue Kontakte und lernen jeweils die Sprache des anderen. Was vor einem Vierteljahrhundert noch undenkbar gewesen wäre, ist im Schulzentrum Gmünd seit Jahren Gewohnheit: Tschechische und österreichische Schüler teilen sich das Klassenzimmer, lernen und leben Seite an Seite. Freundschaften entstehen.

Trotzdem vor allem die Jugend zahlreiche Schritte in die richtige Richtung setzt, ist Karl Immervoll überzeugt, dass es wohl noch zwei Generationen brauchen wird, um die Beziehung völlig zu normalisieren. „Rund um den letzten Krieg ist doch einiges passiert – auf beiden Seiten. Da gibt es offene Wunden, die auch noch in die nächsten Generationen hineinreichen. Vorurteile und eine lange Geschichte, die aufgearbeitet werden muss.“

Was die Zukunft der Grenzregion anbelangt, so hat Karl Immervoll eine Vision: „Es ist so, dass uns die tschechischen Großstädte, besonders im Bezirk Gmünd, näher sind, als die österreichischen. Das ergibt eine Chance, zwischen den wirtschaftlichen und kulturellen Brennpunkten zu sein und zu lernen, damit auch gut umzugehen.“

Um diese Chance zu nützen, ist es vor allem wichtig, sich mehr mit der Sprache des jeweils anderen zu beschäftigen – besonders die Österreicher haben hier großen Aufholbedarf. Auch Karl Immervoll ist sich da sicher: Kommunikation ist der Schlüssel, um Grenzen endgültig zu überwinden und Chancen zu nutzen.

Coverstory aus der Wald4tlerin Herbst 2014 | Text: Rhea Temper | Fotos: Stefanie Pollmann
Das könnte dir auch gefallen

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.