Wer durch das beschauliche Amaliendorf fährt, wird dabei kaum an einen so glamourösen Begriff wie Haute Couture denken. Es sei denn er, oder besser gesagt sie, befindet sich auf dem Weg zum Anprobetermin bei Andreas Anibas. Seines Zeichens Damenschneidermeister mit Pfiff, Elégance und bedingungsloser Liebe zu seinem Beruf. Ein Mann, der seine Passion lebt. Der einen Hauch von Paris durch die mystische Granitlandschaft des oberen Waldviertels atmet. Ein wahrhaft zu Stoff gewordener Traum.

Am Ende der Amaliendorfer Neubaugasse liegt Heim und Wirkungsstätte von Andreas Anibas. Kein Schild, keine Werbetafel weist darauf hin, dass sich hinter jenem Tor, an dem man als Gast und Besucher klopft, ein Schlaraffenland für all jene befindet, die sich einen Bekleidungswunsch abseits des Mainstreams erfüllen möchten. Es ist ein äußerst angenehm und sympathisch wirkender Mensch, der diesem Begehren nach Einlass nachkommt. Der Chef höchstpersönlich.

Und so kommt man, in gemütlicher Wohnzimmeratmosphäre im Besprechungsraum – der auch für Anproben genutzt wird – zwischen unzähligen Katalogen und einem Potpourri an erlesenen Stoffen, rasch in ein angeregtes Gespräch. Wobei eine Tasse Kaffee aus Omas Zwiebelmusterservice natürlich nicht fehlen darf.
Überhaupt trifft man in den Räumlichkeiten des Andreas Anibas ständig auf diesen liebenswürdigen Kontrast zwischen Tradition und Moderne.

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SCHICKSALHAFTES 1998:

1970 in Gmünd geboren, besuchte er nach der allgemeinen Schulbildung die höhere Lehranstalt für Mode- und Bekleidungstechnik in Krems, die er mit der erfolgreich abgelegten Reifeprüfung absolvierte. Danach war Andreas Anibas sieben Jahre lang für die Firma Respo in Weitra tätig, bei der er anfänglich in der Produktion und später im Außendienst wirkte. Nach dem wirtschaftlich bedingten Ende dieses Betriebes, kehrte er in die von seiner Mutter geführte Schneiderei zurück, an der er seit Kindesbeinen emotional hing.

„Ich bin in der Werkstatt meiner Mama aufgewachsen. Unter den dort lagernden Stoffen und Kleidern habe ich das Interesse am Beruf entdeckt, den ich heute ausübe.“
Abseits dieser schönen Erinnerung an seine Kindheit, blickt Andreas Anibas durchaus mit Schwermut an die Zeit unmittelbar nach dem Eintritt in den mütterlichen Betrieb zurück. „Die Waldviertler Bekleidungsindustrie war mehr oder weniger tot und nur Monate nach der Aufnahme meiner Arbeit daheim, erkrankte meine Mutter an Darmkrebs und starb kurz darauf.“

Ab diesem Schicksalsjahr 1998 stand der Schneider aus Berufung auf eigenen Füßen und tauchte durch eine beschwerliche, aber immer ambitioniert geführte Anfangszeit. Die Erfolge kamen ebenso kontinuierlich wie die Auszeichnungen der strengen Innung, und nach 18 Jahren der stetigen Bewährung in einem hart umkämpften Business kann Andreas Anibas auf eine Entwicklung zurückblicken, die ihn in der heimischen Branche durchaus als Koryphäe auszeichnet. Eine Entwicklung, der sehr harte Arbeit und viel Durchhaltevermögen zugrunde liegt. „Das Handwerk wurde mir in die Wiege gelegt und ich wollte niemals etwas anderes machen.“ Klingt fast so, als hätte da jemand seine Leidenschaft zum Beruf gemacht.

Andreas Anibas macht in seiner Werkstatt feine Maßarbeit, wie der Begriff Haute Couture landläufig übersetzt wird. Mit einem Atelier in Paris will er sich dennoch nicht vergleichen, weil die dortigen Ansprüche an die reine Handarbeit für seinen kleinen Betrieb einfach nicht leist- und erfüllbar sind. „Chanel und andere Häuser können durch eine Vielzahl an Mitarbeitern die hohe Schneiderkunst bis ins kleinste Detail erfüllen. Da kann ich mit meinen Ressourcen natürlich nicht mithalten und muss diesbezüglich eine etwas abgespeckte Form anbieten.“

Die Frage, was Andreas Anibas seinen Kunden bietet, offenbart dann einen tiefergreifenden Einblick ins Metier. „Anhand des Standorts meines Betriebes ersieht man schon, dass keine Laufkundschaft vorbeiflaniert. Wer hierherkommt, ist in der Regel angemeldet.“ Die Präferenzen seiner Klientel sind dann aber zumeist ganz unterschiedlich. Bilder aus Illustrierten werden ebenso zum Vorbild für eine Wunschkreation herangezogen, wie auch aus dem Urlaub mitgenommene Stoffe.

Zumeist sind die Aufträge, die Andreas Anibas erreichen, nicht unbedingt einem speziellen Anlass geschuldet. Alltagskleider stehen auf dieser Palette ebenso wie Hochzeiten, Bälle, Familienfeiern. In einem Erstgespräch werden die Vorlieben abgesteckt und mögliche Materialien ausgesucht. Danach wird Maß genommen und in Folge ein darauf basierendes Muster erstellt. Nach dem Zuschnitt werden die Teile grob zusammengefügt und im sogenannten Feinfitting nach und nach, im Zuge von Anproben, der Wunschform angepasst. Ein Monat Zeit sollte sich die geneigte Trägerin eines Stückes aus Andreas Anibas Hand aber nehmen.

Neben dem Chef arbeitet auch Saida Kaufmann, als ausgebildete Damenkleidermacherin im Betrieb mit, deren Rückkehr er nach einer anstehenden Babypause erhofft. „Der Nachwuchs in unserer Branche ist knapp und wir freuen uns über jeden, der die Geduld hat, die Herausforderungen dieses anspruchsvollen Berufs in Angriff zu nehmen.“

Auch bei den regionalen Stofflieferanten waren die Zeiten schon rosiger. Im Bereich Loden passt es noch, alles andere wird mittlerweile aus Italien und Spanien bedient. Dem Internet kommt gerade auf diesem Gebiet eine immense Bedeutung zu, weil kleine Betriebe wie jener von Andreas Anibas nicht dazu gezwungen sind, große Lager mit Stoffballen anzulegen, auf denen sie dann womöglich sitzenbleiben, sondern nur bestellen können, was auch wirklich benötigt wird. Mit gerade einmal einem Tag Lieferzeit. „Wenn es aber ein Schnäppchen gibt, dann kauf ich auch auf Vorrat.“ Nun, wer täte das nicht.

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Will man Andreas Anibas nach einer Arbeit fragen, die ihn besonders reizen würde, einen Stoff, dem er auf seine ganz spezielle Weise zu Leibe rücken wollte, dann erfährt man wenig, aber wiederum auch sehr viel über ihn. Denn Andreas Anibas ist eins mit jedem Stück Kleidung, für das er gerade den Auftrag erhalten hat. Klingt aufgesetzt? Nicht, wenn man dabei dem Meister in die Augen blickt!

Wie bodenständig und klar Andreas Anibas wirklich ist, der sein sehr künstlerisch angelegtes Notizbuch als berufliches Heiligtum ansieht, erkennt man an einer Aussage, die sich von selbst erklärt. „Ich bin kein Designer, ich bin ein Handwerker.“ Damit kontert er auf die Frage, ob er in seiner Eigenschaft als praktizierender Haute Couturier vielleicht einmal selbst eine Kollektion entwerfen möchte. „Ich kann die schönsten Bilder zeichnen. Den schrillsten Schnick-Schnack entwerfen. Aber wenn es meiner Kundin nicht passt, dann ist all das wertlos.“

Der Nachwuchs in unserer Branche ist knapp und wir freuen uns über jeden, der die Geduld hat, die Herausforderungen dieses anspruchsvollen Berufs in Angriff zu nehmen. (Andreas Anibas)

Abseits des tagtäglichen Kontakts zu seinen Auftraggeberinnen freut sich Andreas Anibas auch immer auf die jährlichen Modenschauen der Wirtschaftskammer. Die Modelle dazu lässt er gern familienintern präsentieren. Zumeist von seiner Frau. Besonderes Aufsehen erregte im Zuge dieser gut vermarkteten Shows ein Kleid mit Motiven von Christian Ludwig Attersee, welches unter dem Motto „Blue Bionic“ eine eindrucksvolle Harmonie zwischen Kunst und Handwerk herstellte.

Als Damenschneidermeister unterscheidet sich Andreas Anibas vom traditionellen Herrenschneider durchaus markant. In erster Linie an der Kompaktheit der Arbeiten. „Ein Herren-sakko, wie es die Meister beispielsweise in der berühmten Londoner Savile Row herstellen, ist vom ganzen Aufbau her mit sehr viel Handarbeit verbunden. Da schlagen schon einmal 80 bis 90 Stunden an Fertigungszeit bei einem Anzug zu Buche. Die Damenschneiderei ist im Gegensatz dazu viel feiner, dünner und leichter.“ Fasziniert ist der passionierte Handwerker selbstredend aber auch von dieser Form der Fertigung, nur fehlt es dazu schlicht und ergreifend an der nötigen Zeit. Nichtsdestotrotz bietet Andreas Anibas auch Männermode in seinem Hause an.
Hosen, Westen und Jacken stehen zur Auswahl, klassische Sakkos werden im Baukastensystem in Zusammenarbeit mit einem Geschäftspartner offeriert. Die Nachfrage in diesem Segment steigt, freut sich der Geschäftsmann.

Abseits seines häuslichen Schaffensbereichs in Amaliendorf ist Herr Anibas auch an der Landesberufsschule in Schrems als fachlicher Vertragslehrer im Bereich Textilreinigung tätig, in dem er ebenfalls über eine erfolgreich abgelegte Meisterprüfung verfügt. Diese Abwechslung vom Alltag macht ihm dementsprechend Spaß. Ebenso wie seine Arbeit im Lehrlingsausschuss der Landesinnung. Mit diesen Feldern der Bemühungen ist der Schneider völlig ausgelastet, was kaum Raum für anderweitige Beschäftigungen abseits des Berufs lässt. „Das Wochenende steht im Normalfall im Zeichen der Familie, wenngleich sich auch hier immer sehr viel ums Geschäft dreht.“

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Unter saisonale Schwankungen gerät das Wirken von Andreas Anibas nur noch selten. Im Frühjahr/Sommer dominiert natürlich das Hochzeitsgeschäft, während im Winter eher Ball- und Faschingsaufträge im Fokus liegen. Abseits dieser Stoßzeiten, wo es schon einmal terminlich eng werden kann, gibt es jedoch ebenso reichlich zu tun. „Im Prinzip ist das ganze Jahr über etwas los. Veranstaltungen, Feste und Feiern sind nicht auf fixe Daten beschränkt.“ Auch das Anfertigen von Uniformen, etwa für Kapellen oder Traditionsvereine, fällt in sein Metier. Wenngleich er sich hierbei auf Einzelstücke beschränkt, da die komplette Ausstaffierung einer gesamten Mannschaft zu zeit- und personalintensiv wäre.
Namentliche Vorbilder aus der großen Welt der Mode hat Andreas Anibas keine, wenngleich er sich querbeet seine Inspirationen sucht. Persönlich bevorzugt er den sportlich-eleganten Stil. „In meinem Job sollte man sein Modebewusstsein auch nach außen transportieren. Ich trage aber natürlich wie jeder andere im Alltag Konfektionsware.“

Ein wesentliches Anliegen sieht der Schneidermeister, dem Nachhaltigkeit durchaus wichtig ist, in der Würdigung eines Handwerks, in dem der Wert einer Arbeit wieder die notwendige Wertschätzung erfahren sollte. Daraus zieht er gemeinsam mit dem Feedback der Kunden seine Motivation. Gerade deshalb, weil in jeder Maßanfertigung sehr viel Herzblut steckt, bedingt durch die lange Zeit, mit der sich Andreas Anibas jedem einzelnen Stück widmet.

Dem Trend hin zu globaler Billigware zollt er eine durchaus bemerkenswerte Ansicht. „Die Produktion wurde immer weiter nach Osten verlagert. So gesehen werden wir die Erde irgendwann einmal umrundet haben und die Branche wird wieder in Europa Fuß fassen. Zudem wird in absehbarer Zeit der stetig produzierte Textilmüll so immens werden, dass man sich zwangsläufig Gedanken über eine sinnvollere Entwicklung machen muss.“

Was den Nachwuchs betrifft, klingt seine Stimme dann etwas sorgenvoller. Zumal seine Generation die letzte ist, die noch adäquat ausgebildet wurde. Danach begannen die großen Betriebsschließungen. Und die Kleinbetriebe allein können die schwierige Aufgabe einer personellen Neurekrutierung gewiss nicht stemmen. Nicht bloß der finanziellen Aspekte wegen.

Beim abschließenden Gang durch die Werkstatt wird dem Betrachter dann hautnah bewusst, wovon Andreas Anibas zuvor gesprochen hatte: Eine dreißig Jahre alte Nähmaschine, auf der noch die geliebte Mutter ihrem Sohn das Handwerk näher brachte, steht am hellen Fensterplatz hin zum ausladenden Garten. Und ein noch älteres Teil zum Nähen spezieller Muster befindet sich in Reichweite dazu. Überall trifft man hier auf ein Handwerk, das ein Spötter in dieser Form als puren Anachronismus bezeichnen würde.

In Wirklichkeit steht man aber inmitten einer Fundgrube der Kreativität: Stoffreste, Knöpfe und sonstige Kurzwaren aller Art. Fein säuberlich in kleinen Sichtschränkchen drapiert. Eine Bügelanlage. Und auf einem Zuschneidetisch, beinahe wie verloren, das mysteriös anmutende Notizbuch des Meisters, in das man nur allzu gerne einen Blick erhaschen möchte. Eine Welt aus lange vergessener Zeit. Und doch stets am Puls der Zeit.

Von Michael Koller

Aus der Wald4tlerin Sommer 2016