Wo gehobelt wird, fallen Späne …

Aus der Serie Handwerk im Waldviertel

Es ist bereits der Name der Region, der Ortsunkundige im Kopf ein Bild der Gegend zeichnen lässt. Wo Wald ist, da sind Bäume, da ist Holz. Und dort sind auch jene, die mit Holz umzugehen wissen. Die es vermögen, die Natur zu formen, und sich des Rohstoffs mit all seinen Farben und Formen anzunehmen. 

ERZÄHLT VON RHEA MÜLLNER

 

„Sie hatte keine Angst vor großen Ideen und sie hatte Mut, Neues zu machen –auch wenn es manchmal nur beim Versuch blieb.“ So ist die große Unternehmerin Helene Jäger ihrer Enkeltochter, Alexandra Kuttner, in Erinnerung geblieben. Manchmal hört man, die beiden seien sich sehr ähnlich. Nicht, weil Alexandra das Unternehmen ihrer Großmutter weiterführt, sondern vielmehr, weil beide immer schon zielstrebig und stets optimistisch gewesen sind.

Alexandra Kuttner : Die Korbflechterei ernährte nicht nur unsere Familie, sondern gab auch vielen weiteren Frauen und Kriegswitwen Arbeit. Foto: Wald4tlerin, Nisa Maier

Als Helene Jäger 1957 im Salzkammergut ihren Betrieb gründete, reichte das Geld nicht für einen Webstuhl, also begann sie stattdessen, Körbe – in erster Linie aus Rattan – zu flechten. Und weil die kleine Produktion prompt zum Erfolg wurde, übersiedelte der Betrieb auf der Suche nach einer größeren Bleibe ins Waldviertel: in das alte Schulgebäude der Stadt Weitra. Bis zu 200 Mitarbeiterinnen beschäftigte Helene Jäger in ihren erfolgreichsten Jahren. Zahlreiche Kriegswitwen fanden hier anfangs ihren Arbeitsplatz, später auch Frauen, für die es im Waldviertel nicht einfach war, einen Arbeitsplatz zu finden. Emilie Wally, die beinahe 25 Jahre lang Körbe für die Unternehmerin flocht, erinnert sich: „Als ich angefangen habe, war ich gerade Mitte Zwanzig, die Kinder waren schon auf der Welt. Da war ja sonst nichts – eine andere Arbeit hast du nicht gefunden. Und dann hat es plötzlich geheißen, dass es in Weitra die Frau Jäger gibt, und man dort Körbe flechten kann. Man sollte einfach zu ihr in die alte Schule kommen, um es zu lernen.“ Und schon am ersten Tag inspirierte Helene Jäger mit ihrer fleißigen und zielstrebigen Art: „Frau Jäger war an meinem ersten Tag krank. Wir durften zu ihr ans Krankenbett gehen, und dort lernte sie uns, wie Körbe geflochten werden.“

In den darauffolgenden Jahren flocht Emilie Wally zusammen mit ihrer Mutter in Heimarbeit täglich bis zu hundert Körbe aus Peddigrohr, also gespaltenem Rattan. Abends, wenn ihr Mann Josef nach Hause kam, unterstützte auch er die beiden. „Wir haben den ganzen Tag gearbeitet und man hatte deswegen zwar immer einen furchtbaren Saustall zuhause, aber wir haben gut verdient und konnten uns schlussendlich dadurch eine neue Heizung leisten.“

Zahlreiche Frauen aus der Gegend fanden in diesen Jahren hier einen guten und sicheren Arbeitsplatz, der von einer Frau ermöglicht wurde, die sozial engagiert und stets besorgt um ihre Mitarbeiterinnen war. „Sie war die netteste Frau, die ich je erlebt habe. Als meine Mutter altersbedingt nicht mehr konnte, erhielt sie ein kleines Sparbuch zum Abschied. Als ich ging, bekam ich einen tollen Kelomat – sie hat uns alle sehr geschätzt“, erzählt Emilie Wally. Noch heute, da ist sie sich sicher, könnte sie in reinster Handarbeit Körbe herstellen – genau so, wie sie es vor mehr als 50 Jahren von Helene Jäger gelernt hat.

Ich und mein Holz – wir sind eins!

Schon mit 24 Jahren startete der Drechsler Andreas Reiter in die Selbstständigkeit: „Mein Vater war Tischler – ich bin also sozusagen vorbelastet, und wusste immer schon, dass ich mit Holz arbeiten möchte. Es macht mich glücklich, jeden Tag etwas anderes anzufangen und fertigzustellen.“

Andreas Reiter: Holz und die Arbeit damit – das taugt mir einfach! Foto: Wald4tlerin, Nisa Maier

In Deutschland lautet seine korrekte Berufsbezeichnung „Drechsler und Holzspielzeugmacher“, Letzteres wird mittlerweile hier aber kaum mehr hergestellt. „Manchmal wird schon noch ein Hutschpferd in Auftrag gegeben, das ist aber eher selten. In erster Linie produziere ich Zulieferteile für Unternehmen, Gebrauchs- und Dekorartikel.“ Besonders lieb sind Andreas Reiter Eigenkreationen, bei denen er seine Kreativität voll ausspielen kann. So tüftelte er ausgedehnt an einer großen Kugel, für die ihm lange Zeit keine Funktion einfallen wollte. Heute ist diese Kugel, die Schlüsselkugel, sein Aushängeschild, das Funktionalität und Design von Holz symbolisiert.

Gearbeitet wird natürlich mit den Händen, sie sind sein wichtigstes Gut. Während sich beim Tischler meist das Werkzeug dreht, ist es beim Drechsler das Werkstück selbst, das gedreht wird. So entstehen Schüsseln, Schuhlöffel, sogar Uhren und Christbaumkugeln aus Holz. Verarbeitet werden in der Drechslerei in Rudmanns vorrangig heimische Hölzer wie Zirbe, Ahorn und Buche. Dass jedes Holz anders ist und der Rohstoff für immer Lebensspuren zeigen wird, fasziniert Andreas Reiter besonders. Die Leidenschaft und Fertigkeit für seinen Werkstoff begleitet ihn schon immer, und genau deshalb bedauert er auch, dass viele junge Menschen heutzutage wenig Interesse am Handwerk zeigen: „Die Jungen müssen wieder ein Gefühl dafür bekommen. Nur wenige wissen, wie lange es eigentlich dauert, ein Produkt herzustellen und können den Weg vom Wald in die Geschäfte gar nicht nachvollziehen.“ Um das Thema für die junge Generation angreifbar zu machen und Bewusstsein fürs Handwerk zu schaffen, sind Schulklassen in Rudmanns jederzeit willkommen. Seine beiden Kinder kennen die Werkstatt und den Duft von Holz bestens. Und auch wenn sie jetzt noch zu klein dafür sind, so hofft Andreas Reiter doch ein wenig, dass sie sich eines Tages ebenso in Holz und den Beruf verlieben, wie er selbst: „Weil man aus den unterschiedlichsten Holzstücken viele schöne Dinge machen kann – darum ist das mein Beruf.“ …

Ein wahres Vermächtnis

In Ludweis wurde die Liebe zum Holz und die Fertigkeit, damit umzugehen, bereits von Generation zu Generation weitergegeben. So führt Fritz Kadernoschka weiter, was sein Großvater vor rund hundert Jahren begonnen hatte. Damals war der Beruf des Wagners gängig und auf Bestellung wurden da die unterschiedlichsten Wägen erzeugt. Eng verbunden mit der Landwirtschaft, wurden auch andere Erzeugnisse wie Rechen, Sautröge und Futterbarren hergestellt.

Fritz Kadernoschka: Das Lebewesen Baum steckt voller Überraschungen! Foto: Wald4tlerin, Nisa Maier

„Um den Winter zu überbrücken, produzierte man auch Skier, Rodeln und Eisstöcke“, erinnert sich Fritz Kadernoschka an seine Kindheit zurück. Wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm sein Vater den Betrieb und führte ihn einige Jahre mit mehreren Mitarbeitern erfolgreich durch den Wirtschaftsboom. Doch dieser brachte neue Technologien mit sich, die den Bedarf an den Wagnereiprodukten immer weiter schmälerten, bis die Erzeugung von Wägen in den 1960er-Jahren gänzlich eingestellt werden musste.

Was aber geblieben und in der alten Werkstatt der Kadernoschkas noch deutlich zu spüren ist, ist die Leidenschaft zum Holzhandwerk. „Ich habe den Baum, das Lebewesen, vor mir. Er ist so unterschiedlich wie jeder Mensch und jedes Tier, und ich weiß vorher nicht, was in ihm steckt. Er ist voller Überraschungen für mich. Bei der Verarbeitung sehe ich, wie er gelebt hat, ob er auf gutem Boden stand und wie er sich entwickeln konnte.“  …

Wohlfühl-Tischlerei

Auch in Maissau werden Geschick und Fertigkeiten seit Jahrzehnten weitergegeben. Bereits in vierter Generation führt Edmund Zellhofer hier den elterlichen Tischlereibetrieb. Den Grundstein dafür legte sein Urgroßvater, Michael Zellhofer, der vor mehr als 150 Jahren auf Empfehlung des Grafen Hoyos in den Dienst des Grafen Abensperg und Traun in den Ort Maissau kam. Mit dem Betrieb, seiner langen Geschichte und den fleißigen Tischlern aufgewachsen, war auch für Edmund Zellhofer bald klar, dass er in die Fußstapfen seiner Vorfahren treten würde: „Es war naheliegend das Handwerk zu erlernen und zu ergreifen. Auch wenn ich vorerst überlegt habe, Architektur zu studieren – letztendlich bin ich dann doch zum Tischlerhandwerk zurückgekehrt und habe den Betrieb meines Vaters übernommen.“

In 150 Jahren durchlebte der Betrieb bewegte Zeiten, insbesondere während der langen Kriegsjahre. So erzeugte die Tischlerei während des Ersten Weltkriegs ganze Serien von Soldatenkoffer und Feldpostkisten und war in der schwierigen Nachkriegszeit zum Teil auf die Bezahlung mit Naturalien, wie etwa Weizen, angewiesen. Auch die Zeit rund um den Zweiten Weltkrieg stellte die Familie Zellhofer vor große Herausforderungen: Als Edmund Zellhofers Großvater verstarb musste der Betrieb vorübergehend stillgelegt und schlussendlich als Witwenbetrieb weitergeführt werden. Doch sowohl zu jenen, als auch zu späteren Zeiten hielt das Unternehmen stets allen Herausforderungen stand, widersetzte sich wirtschaftlich schwierigen Zeiten, Billigmöbel-Trends und dem Entstehen großer Möbelhäuser.

„Als Tischler muss man immer gegen Großfläche kämpfen. Wir haben eine Nische gefunden, uns aufs Handwerk besonnen und sind mit dem Umweltgedanken zum Massivholz zurückgekehrt. Bienenwachs, Naturharzöle, Holz von Ahorn bis Zwetschke – damit arbeiten wir. Wichtig ist uns, dass sich unsere Kunden mit unseren Produkten wohlfühlen“, erzählt Edmund Zellhofer.

Neben regionalen Hölzern wird außerdem verarbeitet, was die Natur rund um den Betrieb hergibt. In Maissau sind dies natürlich Amethyste, die den Grundstein für eine eigene Amethyst-Möbelserie legten. Die Steine werden aufgeschnitten, geschliffen, poliert und in das Holz eingearbeitet. Verantwortlich dafür ist die Dame des Hauses, Maria Zellhofer, die sich selbst um die Bearbeitung der Steine kümmert: „Die Amethyste können in unterschiedliche Möbelstücke eingearbeitet werden. Besonders eignen sich hellere Hölzer, wie Ahorn und Birke – so kommt der edle Stein besonders gut zur Geltung.“

Im Jahr 2002 wurde die Tischlerei für diese außergewöhnlichen Möbel mit dem Innovationspreis ausgezeichnet – ein Ansporn, der auch in den nächsten Jahren stets für kreative Ideen sorgen sollte. Doch nicht nur der Erfindergeist macht die Möbelstücke der Tischlerei so besonders, viel mehr noch ist es der Grundgedanke der Familie Zellhofer: „Wir möchten für Wohlbefinden sorgen. Sowohl bei unseren Kunden als auch bei unseren Mitarbeitern.“ Dazu gehört auch die Einrichtungsplanung nach Feng-Shui-Richtlinien und der Einsatz hochwertiger natürlicher Materialien. Zweiteres wirkt sich besonders auf die Mitarbeiter positiv aus, da sie so keinen giftigen Stoffen ausgesetzt sind.

„Getreu unserer Wohlfühl-Philosophie haben wir uns in den letzten Jahren verstärkt auf die Erzeugung von Betten aus Massivholz – komplett ohne Metallteile – spezialisiert, um den Schlaf unserer Kunden zu verbessern.“ Denn so, weiß Edmund Zellhofer, können störende Strahlungen abgeschirmt werden. Die intensive Auseinandersetzung mit gesunden Schlafsystemen und die vermehrte Herstellung von Betten blieb auch den jüngsten Familienmitgliedern der Zellhofers nicht unbemerkt; So trägt Edmund Zellhofer stolz und mit einem Lächeln im Gesicht den liebevollen Spitznamen seines kleinen Enkelsohns, der ihn vom Tischler zum „Bettler“ machte …

Lesen Sie den ganzen Artikel in der Wald4tlerin Ausgabe Herbst 2018

 

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